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Serverumzug in 19 Stunden: Als mein Hoster Alturo dichtmachte

Zusammenfassung

Im September 2006 kündigte United Internet das Ende seiner Discount-Hostingmarke Alturo an, bei der mein Server stand; allen Kunden wurde zum 31. Oktober gekündigt. In einer 19-Stunden-Schicht zogen 23 Domains, ein Mailserver, drei Foren und mehrere Gigabyte Daten auf einen neuen Server um, mit neuem Debian und deutlich strengerer Absicherung. Dieser Beitrag aus meinem alten Blog erzählt den Umzug nach, zeigt, was damals zum Handwerkszeug gehörte, und was ich heute anders planen würde.

Die Kündigung

Am 19. September 2006 meldete heise online, dass die United Internet AG ihre Discount-Hostingtochter Alturo einstellt. Die Marke war erst zweieinhalb Jahre zuvor gegründet worden, um ältere Hardware des Schwesteranbieters 1&1 noch einmal zu vermieten. Inzwischen seien dedizierte Server billiger geworden, die Zielgruppe greife zu Markenprodukten, und Alturo rechne sich nicht mehr. Allen Kunden wurde fristgerecht zum 31. Oktober 2006 gekündigt, die Alturo GmbH sollte am 30. November aufgelöst werden.

Mein Server lag dort. Ich hatte also gut sechs Wochen, um alles umzuziehen, was über die Jahre darauf gewachsen war.

19 Stunden am Stück

Am Ende ging es in einem Rutsch: 23 Domains mit ihren Subdomains, ein Mailserver, drei Foren, 70 MB MySQL-Datenbanken, 3,6 GB Zope-Datenbanken für das Plone-Blog, 8 GB per HTTP erreichbare Daten und diverse selbst gebaute PHP-Skripte zogen auf den neuen Server „Baldur“ um. Dabei sprangen MySQL, PHP, Apache und viele andere Programme meist um eine, manche um zwei Hauptversionen; alle Skripte, die still im Hintergrund liefen, mussten mit.

Der alte Server lief noch unter Debian Sarge, der neue unter dem damaligen Testing-Zweig Etch, der erst im April 2007 offiziell erschien. Die Sitzung dauerte 19 Stunden. Ohren, Lunge und Rücken haben sich danach deutlich beschwert, und meinen persönlichen Rekord habe ich trotzdem nicht gebrochen.

Was der neue Server konnte

Den Umzug habe ich genutzt, um vieles strenger zu machen. Die Firewall bekam eine wirksamere Bremse gegen SSH-Brute-Force-Angriffe, verhielt sich RFC-konformer und regelte jetzt auch ausgehenden Verkehr. Statt mod_security lief aus Leistungsgründen eine ähnliche, schlankere Lösung. Teamspeak- und Counter-Strike-Server bekamen neu aufgebaute chroot-Umgebungen.

Der Mailserver wehrte Spam zusätzlich zu Virenscanner und SpamAssassin jetzt mit Razor, DCC und Pyzor ab, drei Diensten, die Prüfsummen bekannter Spam-Mails sammeln und abgleichen. Logwatch 7 meldete jeden Fehler, eine Integritätsprüfung schlug Alarm, wenn sich Dateien veränderten, und Quotas verhinderten, dass jemand sein Postfach als Sicherung für die DVD-Sammlung nutzte. Alles lag auf einem mit AES-256 verschlüsselten RAID 1 mit 150 GB, bei 1 GB RAM und 3 GHz. Mails ließen sich verschlüsselt abholen, und unverschlüsseltes FTP gab es gar nicht.

Kaum online, schon Spam

Noch während der Umzug lief, war der Mailserver für ein paar Stunden aus, und wer wollte, konnte einem haareraufenden Admin per Videostream zusehen. Kaum lief er wieder, ging das Gespamme los. Ein Auszug aus dem Log der ersten Minuten:

rejected EHLO from ...: syntactically invalid argument(s)
... rejected RCPT <...>: DNSBL listed at sbl-xbl.spamhaus.org
no host name found for IP address ...
... rejected EHLO or HELO ...: "Dropped IP-only or IP-starting helo"

Fehlerhafte EHLO-Angaben, Absender auf Sperrlisten, Rechner ohne Namen: Die einfachen Prüfungen am Eingang filterten den Großteil, bevor eine Mail überhaupt angenommen wurde.

Und dann ging der alte Server einen Tag zu früh aus

Am 31. Oktober folgte die Pointe: Laut einer weiteren heise-Meldung trennte Alturo bereits gegen 2 Uhr nachts alle dedizierten Server und Webspace-Pakete vom Netz, einen Tag vor Vertragsende. Ein Sprecher der Schwesterfirma 1&1 bestätigte, die Zugänge seien versehentlich zu früh abgeschaltet worden, schaltete sie wieder frei und verlängerte den Zugriff um zwei Tage bis zur Nacht vom 2. auf den 3. November. Wer seinen Umzug auf den letzten Tag gelegt hatte, stand kurz ohne Server da. Mein Kommentar damals: typischer Fall von Hoppla.

Was ich heute anders planen würde

Der Umzug hat funktioniert, aber 19 Stunden am Stück würde ich heute vermeiden. Einiges lässt sich vorher erledigen: die TTL der DNS-Einträge Tage vorher senken, damit die Umschaltung schnell greift; Mail über einen zweiten MX-Eintrag auffangen, statt den Server abzuschalten; Datenbanken und Daten vorab synchronisieren und am Umzugstag nur noch die Differenz übertragen.

Die Konfiguration gehört in ein Werkzeug wie Ansible oder zumindest in ein Git-Repository, damit der neue Server nicht aus dem Gedächtnis entsteht. Und die wichtigste Lehre aus Alturo gilt bis heute: Wer bei einem Anbieter mietet, braucht einen Plan für den Tag, an dem dieser Anbieter aufhört.

Zahlen im Überblick

  • heise meldete das Aus von Alturo am 19. September 2006; Kündigung aller Kunden zum 31. Oktober 2006.
  • Umgezogen: 23 Domains, 1 Mailserver, 3 Foren, 70 MB MySQL, 3,6 GB Zope-Datenbanken, 8 GB Webdaten.
  • Neuer Server: 1 GB RAM, 3 GHz, verschlüsseltes RAID 1 mit 150 GB.
  • Alturo schaltete die Server laut heise versehentlich einen Tag zu früh ab und verlängerte danach um zwei Tage.

Referenzen

Bemerkungen

  • Dieser Beitrag stand ursprünglich am 31. Oktober 2006 in meinem alten Plone-Blog, zusammen mit einer Notiz zum Mailserver-Ausfall vom Vortag. 2026 habe ich beides aus dem Webarchiv geholt, zusammengeführt und überarbeitet.
  • Im alten Beitrag stand „es lebe Debian Edge“. Gemeint war Etch; der Tippfehler ist geblieben, bis jetzt.

Originalbeitrag im Webarchiv