Linux ohne Unix?
Zusammenfassung
Hubert Tonneau stellte Ende 2000 FullPliant vor, ein System, das nur den Linux-Kernel übernimmt und darüber alles neu schreibt. Statt GNU- und Unix-Werkzeugen lief eine eigene Umgebung auf Basis der von Tonneau entwickelten Programmiersprache Pliant, inklusive dynamischem Compiler, Web-, FTP-, Mail- und Datenbankservern. Der gesamte Code sollte in ein Megabyte passen und beim Start übersetzt werden.
Die Idee
Linux entstand, als Linus Torvalds einen neuen Kernel für die vorhandenen GNU-Werkzeuge schrieb. Tonneau drehte das um: Er nahm den Linux-Kernel und ersetzte das komplette Unix-artige System darüber. Ziel war ein System, das ein einzelner Mensch von der ersten bis zur letzten Zeile lesen und verstehen kann.
Kern war die Sprache Pliant mit einem dynamischen Compiler, der Programme erst zur Laufzeit übersetzt. Webserver, FTP, SMTP, POP3, eine Datenbank, ein Konfigurationswerkzeug für den Browser und ein verschlüsselnder Proxy sollten alle in diesem einen Megabyte Platz finden.
Warum das interessant ist
Der Linux-Kernel ist nicht an Unix-Programme gebunden. Er stellt Systemaufrufe bereit, und was darüber läuft, ist austauschbar. Android hat diesen Gedanken später im großen Maßstab umgesetzt: Linux-Kernel, aber eine eigene Benutzerumgebung ohne klassisches GNU-System. FullPliant selbst blieb ein Nischenprojekt, zeigt aber, wie weit sich ein System vereinfachen lässt, wenn man auf Kompatibilität verzichtet.
Ideen
- Der Linux-Kernel lässt sich mit einer völlig anderen Benutzerumgebung kombinieren.
- Ein kleines, vollständig lesbares System soll Nachvollziehbarkeit statt Funktionsfülle bieten.
- Ein dynamischer Compiler übersetzt den gesamten Code erst beim Start.
Einsichten
- Lesbarkeit des gesamten Codes ist ein eigenes Ziel, das mit Kompatibilität konkurriert.
- Ohne Unix-Kompatibilität fehlt der Zugang zum riesigen Bestand vorhandener Software.
- Kernel und Benutzerumgebung sind getrennte Ebenen, die sich unabhängig voneinander ersetzen lassen.
Fakten
- Enthalten waren unter anderem HTTP-, FTP-, SMTP-, POP3- und Datenbankserver.
- Die Meldung erschien am 29. Dezember 2000.
Referenzen
Bemerkungen
- Android nutzt bis heute den Linux-Kernel mit einer eigenen Benutzerumgebung ohne klassisches GNU-System und zeigt, dass Tonneaus Grundgedanke tragfähig war, wenn auch in ganz anderer Größe.
Empfehlungen
- Trenne bei Systementscheidungen bewusst zwischen Kernel und Benutzerumgebung.
- Prüfe bei Minimalsystemen, welche vorhandene Software dadurch nicht mehr nutzbar ist.
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