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Phil Zimmermann: Warum ich PGP geschrieben habe

Zusammenfassung

Phil Zimmermann begründet im Handbuch zu PGP, warum jeder Mensch seine E-Mails verschlüsseln sollte, auch wer nichts zu verbergen hat. Sein Essay „Why I Wrote PGP“ erschien 1991 mit der ersten Version und wurde 1999 um Clipper-Chip, Abhörgesetze und das Ende der US-Exportbeschränkungen ergänzt. Der Beitrag fasst die Argumente zusammen, prüft die genannten Fakten und zeigt, was aus PGP und den Crypto Wars wurde.

Worum es im Essay geht

„Why I Wrote PGP“ ist Teil des ursprünglichen PGP-Benutzerhandbuchs von 1991; die heute veröffentlichte Fassung hat Phil Zimmermann 1999 aktualisiert. Der Text ist deshalb zugleich Gründungsschrift und Rückblick: Ereignisse wie das Abhörgesetz CALEA von 1994 oder der Clipper-Chip von 1993 konnten in der Erstfassung noch nicht vorkommen.

Zimmermanns Ausgangspunkt: Vor 200 Jahren war jedes Gespräch privat, man ging einfach hinter die Scheune. Das Recht auf ein vertrauliches Gespräch war damals nicht nur ein philosophisches, sondern ein physikalisches. Mit Telefon und E-Mail laufen auch die vertraulichsten Gespräche elektronisch und lassen sich unbemerkt mitlesen. Zimmermanns zentrale These: Die einzige Möglichkeit, die Privatsphäre im Informationszeitalter zu halten, ist starke Kryptografie.

Postkarte, Briefumschlag und Treibnetz

Das bekannteste Argument richtet sich gegen „Wer nichts zu verbergen hat …“: Auch gesetzestreue Menschen schicken ihre Post nicht als Postkarte. Würde nur eine Minderheit Briefumschläge nutzen, machte gerade das sie verdächtig. Weil fast alle Briefe in Umschlägen stecken, fällt niemand auf. Genauso solle jeder routinemäßig verschlüsseln, ob die Nachricht harmlos ist oder nicht. Zimmermann nennt das eine Form von Solidarität.

Das zweite Bild beschreibt den Wandel der Überwachung. Früher mussten Behörden Briefe über Dampf öffnen und Telefongespräche abhören und abschreiben; das war teuer und lohnte sich nur im Einzelfall, wie das Angeln mit Haken und Leine. E-Mail lässt sich dagegen automatisch, massenhaft und unbemerkt nach Stichworten durchsuchen, wie mit einem Treibnetz. Mit wachsender Rechenleistung, schreibt Zimmermann, werde das auch für Sprache möglich.

Die Gesetze und Pläne, auf die Zimmermann reagierte

Auslöser für die Veröffentlichung war nach Zimmermanns Darstellung der Senatsentwurf S. 266 von 1991. Eine darin versteckte, nicht bindende Erklärung verlangte, Kommunikationssysteme müssten der Regierung bei rechtlicher Befugnis den Klartext liefern. Zimmermann veröffentlichte PGP noch im selben Jahr kostenlos; die Passage scheiterte nach Protesten von Bürgerrechtlern und Industrie. Den Wortlaut des Entwurfs konnten wir nicht an der Primärquelle prüfen, weil congress.gov automatisierte Abrufe sperrt.

Die übrigen Belege lassen sich prüfen. CALEA (Public Law 103-414 vom 25. Oktober 1994) verpflichtet Telefongesellschaften, ihre Technik so zu bauen, dass sie die Kommunikation eines Anschlusses für die Regierung „expeditiously“ herauslösen und abhören können. Den Clipper-Chip stellte das Weiße Haus am 16. April 1993 vor: Jedes Gerät erhielt bei der Herstellung Schlüssel, die bei staatlichen Stellen hinterlegt wurden (Key Escrow). Zimmermanns Zahl von „etwa tausend“ richterlich angeordneten Abhörmaßnahmen pro Jahr passt zu den Statistiken der US-Gerichte: 856 im Jahr 1991 und 1.058 im Jahr 1995.

Laut Zimmermann wollte das FBI 1995 die Kapazität, gleichzeitig 1 Prozent aller Telefonate in großen US-Städten abzuhören, mehr als das Tausendfache des bisherigen Niveaus. Bewältigen ließe sich das nur mit automatischer Spracherkennung. Als Grund, dem Staat nicht blind zu vertrauen, nennt Zimmermann die Geschichte: das FBI-Programm COINTELPRO gegen Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung, das Abhören von Martin Luther King, Nixons Feindesliste und Watergate.

Wie PGP 1991 ins Netz kam

Am 5. Juni 1991 schickte Zimmermann PGP 1.0 für MS-DOS an zwei Freunde: Allan Hoeltje stellte es in Peacenet ein, einen Anbieter für Friedens- und Basisgruppen, Kelly Goen in eine Usenet-Gruppe für Quelltexte und in viele Mailboxen. Am 6. Juni war es im Internet. Die Markierung „US only“ hielt Zimmermann damals für eine echte Verbreitungsgrenze, sie war aber nur ein Hinweis.

Für PGP hatte Zimmermann im ersten Halbjahr 1991 fünf Hypothekenraten ausgelassen. Eine Woche vor der Veröffentlichung erfuhr er von Privacy Enhanced Mail (PEM), einem Standard großer Firmen. Zimmermann hielt dessen 56-Bit-DES für zu schwach und störte sich daran, dass PEM jede Nachricht signierte und die Signatur außerhalb der Verschlüsselung zeigte. Im September 1992 folgte PGP 2.0 für mehrere Plattformen in etwa zehn Sprachen, mit dem Vertrauensmodell (Web of Trust), das PGP bekannt machte.

Der Preis: drei Jahre Ermittlungen

Kurz nach PGP 2.0 interessierte sich der US-Zoll für den Fall. Die US-Regierung behandelte starke Kryptografie als Rüstungsgut; weil sich PGP weltweit verbreitete, ermittelte sie drei Jahre lang wegen eines Verstoßes gegen das Waffenexportgesetz (Arms Export Control Act). Am 11. Januar 1996 teilte der stellvertretende US-Staatsanwalt William Keane Zimmermanns Anwalt Philip Dubois mit, dass es keine Anklage gibt.

Der Streit förderte PGP eher. 1995 erschien der Quelltext von PGP als Buch bei MIT Press. Nach demselben Prinzip entstand 1997 die internationale Version PGP 5.0i: Gedruckte Quelltexte durften die USA verlassen und wurden in Europa wieder eingescannt. Am 16. September 1999 kündigte das Weiße Haus eine neue Exportpolitik an; die Regel des Bureau of Export Administration vom Januar 2000 erlaubte den Export von Verschlüsselung an Privatpersonen, Firmen und andere nichtstaatliche Nutzer. Zimmermann schrieb 2021, die Exportbeschränkungen seien im Jahr 2000 endgültig gefallen.

Was von den Argumenten bleibt

Im Rückblick zum 30. Jahrestag 2021 zählt Zimmermann auf, wofür PGP genutzt wurde: bei der Evakuierung von 8.000 Zivilisten im Kosovo-Konflikt, von Menschenrechtsgruppen in Guatemala und auf dem Balkan, vom Widerstand in Burma. Robert Morris Sr., früher bei der NSA, habe ihm 2004 gesagt, die NSA habe vor allem befürchtet, der offene Quelltext bringe vielen Menschen bei, starke Public-Key-Kryptografie zu bauen.

Heute steckt starke Kryptografie in Browsern, VPNs, Banking-Apps und Festplattenverschlüsselung. Zimmermann warnt 2021 trotzdem, dass Regierungen in Australien, Großbritannien und den USA wieder gegen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung vorgehen, zwanzig Jahre nachdem man die Crypto Wars für gewonnen hielt. Das „Wir haben gewonnen“ von 1999 bezog sich ausdrücklich nur auf die Exportkontrolle.

Ideen

  • Verschlüsselung schützt am besten, wenn alle sie routinemäßig nutzen.
  • Wer nichts zu verbergen hat, verschickt trotzdem keine Postkarten.
  • Automatische Auswertung macht aus gezieltem Abhören ein Treibnetz.
  • Technische Infrastruktur überdauert Gesetze, die ihren Missbrauch heute verhindern.
  • Verbreitete Verschlüsselung ist politisch schwerer zu verbieten als seltene.
  • Gedruckter Quelltext fiel nicht unter das Exportverbot für Software.

Einsichten

  • Zimmermanns stärkstes Argument ist kein technisches, sondern ein soziales: Privatsphäre hängt davon ab, dass ihr Gebrauch normal ist und nicht auffällt.
  • Die Warnung vor dauerhafter Überwachungsinfrastruktur bei wechselnden politischen Verhältnissen gilt unabhängig vom Land: Gesetze lassen sich über Nacht ändern, eingebaute Abhörschnittstellen bleiben.
  • Die Exportverbote haben ihr Ziel verfehlt: Die Ermittlungen gegen Zimmermann machten PGP bekannter, und gedruckter Quelltext umging das Verbot legal.

Fakten

  • PGP 1.0 für MS-DOS ging am 5. und 6. Juni 1991 über Peacenet, Usenet und Mailboxen ins Netz.
  • PGP 2.0 erschien im September 1992 mit dem Vertrauensmodell Web of Trust.
  • Die Ermittlungen gegen Zimmermann wegen Verstoßes gegen das Waffenexportgesetz endeten am 11. Januar 1996 ohne Anklage.
  • Das Weiße Haus stellte den Clipper-Chip mit hinterlegten Schlüsseln am 16. April 1993 vor.
  • 1991 genehmigten US-Gerichte 856 Abhörmaßnahmen, 1995 waren es 1.058.

Referenzen

Kritik

  • Das Solidaritätsargument setzt voraus, dass alle verschlüsseln können. Whitten und Tygar zeigten 1999, dass nur ein Drittel von zwölf erfahrenen E-Mail-Nutzern mit PGP 5.0 in 90 Minuten eine Nachricht korrekt signieren und verschlüsseln konnte; ein Viertel verschickte das Geheimnis versehentlich im Klartext.
  • Der Essay setzt Privatsphäre mit verschlüsseltem Inhalt gleich. PGP verbirgt aber nicht, wer mit wem kommuniziert, und bietet keine Forward Secrecy: Wer später den Schlüssel erbeutet, liest alle alten Nachrichten. Latacora führte 2019 diese Punkte gegen PGP an, EFAIL zeigte 2018, wie E-Mail-Programme den Klartext verschlüsselter Nachrichten preisgeben konnten.

Bemerkungen

  • Den Wortlaut des Senatsentwurfs S. 266 und den FBI-Plan von 1995 geben wir nach Zimmermanns Darstellung wieder; congress.gov und die New York Times sperrten den automatisierten Abruf.
  • Zimmermann arbeitet seit 2004 an verschlüsselter Internettelefonie (ZRTP, Zfone, Silent Phone) und ist emeritierter Associate Professor für Cybersicherheit an der TU Delft.

Empfehlungen

  • Den Essay im Original lesen: Er ist kurz und enthält die bis heute meistzitierten Argumente der Crypto Wars.
  • Für vertrauliche Gespräche heute einen Messenger mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Forward Secrecy nutzen.
  • Wer OpenPGP einsetzt, aktuelle Implementierungen nach RFC 9580 verwenden und E-Mail-Programme nach EFAIL auf aktuellem Stand halten.

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